
Tourenoptimierung: was sie ist, was sie rechnet und was realistisch herauskommt.
Der Begriff steht in jedem Angebot und meint selten dasselbe. Dieser Text ordnet ihn ein: die Definition, die Abgrenzung zu Tourenplanung und Routenoptimierung, das mathematische Problem dahinter – und die Frage, an der sich jedes Projekt entscheidet: Wie viel bleibt übrig, wenn man gegen die echten Regeln rechnet statt gegen ein freies Optimum?
Vier Zahlen, die den Rahmen abstecken, in dem sich jede Tourenoptimierung bewegt:
Was Tourenoptimierung ist
Tourenoptimierung ist die rechnerische Suche nach der Zuordnung von Aufträgen zu Fahrzeugen und nach deren Reihenfolge, die eine definierte Zielgröße minimiert – meist Kilometer, Fahrzeuge oder Fahrzeit – ohne dabei eine der geltenden Restriktionen zu verletzen. Drei Bestandteile stecken in diesem Satz, und alle drei müssen benannt sein, sonst ist der Begriff leer: eine Zielgröße, ein Satz Restriktionen und ein Verfahren, das beides gegeneinander rechnet.
Fehlt die Zielgröße, weiß niemand, wogegen optimiert wurde. Fehlen die Restriktionen, entsteht ein Plan, der auf dem Papier kürzer und in der Praxis nicht fahrbar ist. Und fehlt das Verfahren, bleibt es bei Erfahrung – die in der Disposition viel wert ist, aber ab einer gewissen Größe rechnerisch nicht mehr mithalten kann.
Tourenplanung, Tourenoptimierung, Routenoptimierung
Die drei Begriffe werden im Markt synonym benutzt und bezeichnen unterschiedliche Dinge. Die Abgrenzung ist keine Wortklauberei: Sie entscheidet, welches Werkzeug Ihr Problem überhaupt lösen kann.
- Routenoptimierung beantwortet die Wegefrage: Wie komme ich von A nach B, und in welcher Reihenfolge fahre ich eine bereits feststehende Liste von Stopps ab? Das ist die Aufgabe, die jedes Navigationsgerät löst. Die Zuordnung – wer fährt was – ist dabei schon getroffen.
- Tourenoptimierung beantwortet die Zuordnungs- und die Reihenfolgefrage gleichzeitig: Welcher Auftrag kommt auf welches Fahrzeug, und wie fährt dieses Fahrzeug danach? Erst hier entsteht der große Teil der Einsparung, denn die teuersten Fehler stecken in der Zuordnung, nicht in der Reihenfolge.
- Tourenplanung ist der organisatorische Gesamtprozess drumherum: Aufträge annehmen und bündeln, Termine mit Kunden abstimmen, Fahrer und Fahrzeuge disponieren, Ausfälle abfangen, Papiere erzeugen. Tourenplanung gibt es auch ganz ohne Optimierung – in den meisten Betrieben genau so.
Praktisch heißt das: Tourenoptimierung ist der rechnerische Kern der Tourenplanung, und Routenoptimierung ist ein Teilschritt der Tourenoptimierung. Wer eine Software sucht, die „Routen optimiert“, bekommt womöglich ein Werkzeug, das die Zuordnung unangetastet lässt – und damit den Hebel, an dem das meiste Geld hängt.
Das Vehicle Routing Problem
Hinter der Tourenoptimierung steht ein klar umrissenes mathematisches Problem, das seit über sechs Jahrzehnten erforscht wird. George Dantzig und John Ramser formulierten es 1959 unter dem Namen The Truck Dispatching Problem: Eine Flotte gleicher Tankwagen beliefert von einem Terminal aus eine große Zahl Tankstellen, jede mit ihrem Bedarf; gesucht ist die Zuordnung, die die Gesamtkilometer minimiert.1 Diese Aufgabenstellung ist bis heute die Standarddefinition des kapazitierten Vehicle Routing Problem, kurz CVRP.
Fünf Jahre später lieferten Clarke und Wright das erste brauchbare Näherungsverfahren dazu, die sogenannte Savings-Heuristik: Sie beginnt mit einer eigenen Tour je Kunde und verschmilzt dann schrittweise die Paare, deren Zusammenlegung am meisten Weg spart.4 Das Prinzip steckt bis heute in praktisch jedem Planungswerkzeug, auch wenn moderne Solver deutlich weiter gehen.
Für die Praxis zählen vor allem die Erweiterungen, denn das reine CVRP kommt in keinem Betrieb vor. Gängig sind Zeitfenster (VRPTW), mehrere Depots (MDVRP), gemischte Flotten mit unterschiedlichen Kapazitäten sowie kombinierte Abhol- und Lieferaufträge (Pickup and Delivery). Jede dieser Erweiterungen ist gut erforscht – und jede macht das Problem schwerer.
Warum man es nicht einfach durchprobiert
Die Zahl möglicher Rundreisen wächst fakultativ. Bei einem festen Depot und symmetrischen Entfernungen gibt es für n Stopps genau (n−1)!/2 verschiedene Touren. Das sind bei zehn Stopps noch 181.440 Varianten, bei zwanzig bereits gut 6 · 10¹⁶ – eine Zahl, an der auch Rechenzeit nichts mehr ändert.
Warum ab etwa 20 Stopps niemand mehr beweisen kann, dass sein Plan gut ist.
Die Spalte rechts nimmt an, ein Rechner prüfe eine Milliarde vollständige Touren pro Sekunde. Selbst unter dieser sehr wohlwollenden Annahme ist vollständiges Durchprobieren jenseits von 15 Stopps erledigt.
Berechnet als (n−1)!/2 – die Zahl unterschiedlicher Rundreisen ab einem festen Depot bei symmetrischen Entfernungen. Reale Planungen sind größer und zusätzlich durch Restriktionen eingeschränkt; die Zahlen zeigen die Größenordnung, nicht die Laufzeit eines echten Solvers.
Das Vehicle Routing Problem gehört zur Klasse der NP-schweren Probleme. Praktisch bedeutet das: Für realistische Größen gibt es kein Verfahren, das in vertretbarer Zeit die beweisbar beste Lösung liefert. Was gute Solver stattdessen tun, ist etwas anderes – und für die Disposition völlig ausreichend: Sie durchsuchen den Lösungsraum systematisch mit Heuristiken und Metaheuristiken und liefern nach Minuten eine Lösung, die deutlich besser ist als jede von Hand gebaute. Nur eben ohne das Etikett „optimal“.
Wer das weiß, liest Anbieteraussagen anders. „Optimale Tourenpläne“ ist Marketing. Belastbar ist die Aussage: besser als der Ist-Zustand, um diesen konkreten Betrag, unter diesen Regeln.
Restriktionen: der Teil, an dem Projekte scheitern
Die Mathematik ist der einfache Teil. Die Solver sind frei verfügbar, ihre Qualität ist dokumentiert, und sie sind seit Jahren nicht der Engpass. Der Engpass ist das Modell: die Frage, ob die Regeln Ihres Betriebs vollständig darin stehen.
Typisch sind fünf Ebenen – Fahrzeug, Weg, Zeit, Ladung und Personal. Ein Plan ist nur dann umsetzbar, wenn er alle fünf gleichzeitig einhält, und genau daran scheitern Standardprodukte nicht selten: Nicht weil sie schlecht rechnen, sondern weil eine planungsbestimmende Regel in ihrem Datenmodell nicht vorgesehen ist. Die vollständige Liste steht in Restriktionen in der Tourenplanung.
Was realistisch herauskommt
Hier wird es unangenehm, denn die im Markt kursierenden Prozentzahlen halten einer Prüfung meist nicht stand. Spannen wie „5 bis 30 Prozent Einsparung“ lassen sich regelmäßig auf Anbieterunterlagen zurückführen, nicht auf eine nachvollziehbare Erhebung. Wir nennen sie deshalb nicht.
Was sich belegen lässt, sind zwei Dinge. Erstens der volkswirtschaftliche Rahmen: Rund 23 % der Fahrleistung deutscher Lastkraftfahrzeuge entfallen auf Leerkilometer.2 Diese Zahl wird oft mit einer anderen verwechselt – knapp 38 % der Fahrten sind Leerfahrten. Beide stimmen, sie messen nur Verschiedenes; Leerfahrten sind im Schnitt kürzer als beladene. Wer die Fahrtenquote als Kilometerquote zitiert, überschätzt den Hebel um mehr als die Hälfte.
Zweitens die eigene Rechnung. Wir haben ein Regionalnetz mit 320 Lieferstellen als Digital Twin nachgebaut und beide Verfahren gegeneinander gerechnet – gleiche Aufträge, gleiche Fahrzeuge, gleiche Schicht.
320 Lieferstellen. 37 Touren. Nachgerechnet.
Simulationsbeispiel Regionallogistik auf synthetischen Daten: 320 Lieferstellen, 1.164 Paletten, ein Depot, Schicht von 06 bis 16 Uhr. Baseline ist eine typische Sektor-Disposition, Gegenstück ein optimierter Plan auf demselben Modell und unter denselben vollständigen Planungsregeln.
- 7.842 auf 6.830 Wochenkilometer – rund 13 %, entstanden durch andere Zuordnung, nicht durch schnelleres Fahren
- 36 statt 37 Touren, und die 36 ist zugleich das rechnerische Minimum: 1.164 Paletten bei 33 je Fahrzeug ergeben 35,3
- Zeitfenstertreue von 73 % auf 100 % – gleichzeitig mit den Kilometern, nicht als Kompromiss dagegen
Simulationsbeispiel auf synthetischen Daten: ein Regionallager, 1.164 Paletten, 60 % der Lieferstellen mit Drei-Stunden-Zeitfenstern, 33 Paletten Fahrzeugkapazität, Schicht 06–16 Uhr. Baseline ist eine typische Sektor-Disposition, optimiert wurde mit VROOM. Im Echtbetrieb rechnen wir denselben Digital Twin für die Regionallogistik eines Lebensmittelhandelsunternehmens – Ergebnisse besprechen wir im Gespräch.
Die aufschlussreichste Zahl ist dabei nicht die 13 %, sondern die 36. Bei 1.164 Paletten und 33 Palettenstellplätzen je Fahrzeug braucht es rechnerisch mindestens 35,3 Touren – also 36. Der optimierte Plan trifft diese Untergrenze exakt. Bei der Tourenzahl ist danach nichts mehr zu holen; weitere Verbesserungen müssten aus Kilometern oder Fahrzeit kommen. Solche Untergrenzen zu kennen ist der schnellste Weg, ein Einsparversprechen zu prüfen: Wer mehr verspricht, als die Kapazitätsrechnung hergibt, hat entweder Restriktionen weggelassen oder rechnet gegen eine andere Baseline.
Wie ein Projekt abläuft
Der Ablauf ist in fast allen Fällen derselbe, unabhängig davon, ob am Ende Standardsoftware oder ein eigenes Modell steht. Entscheidend ist die Reihenfolge – sie hält die Entscheidung reversibel und die Kosten klein, solange noch nichts feststeht.
- Daten sichten. Vier Wochen Ist-Daten als Export: Aufträge mit Adressen, Mengen und Zeitfenstern, die gefahrenen Touren, die Fahrzeugliste, die Depots. CSV oder Excel genügt. Dieser Schritt deckt fast immer schon Datenlücken auf, die später jedes Projekt bremsen würden.
- Modell bauen. Fahrzeuge mit echten Kapazitäten und Zonen, Fahrerregeln, Rampenzeiten, Wegenetz mit Tragfähigkeit und Sperrungen. Hier entsteht der Digital Twin, und hier entscheidet sich die Belastbarkeit aller späteren Zahlen.
- Gegenrechnen. Der Ist-Zustand wird nachgebaut und mit dem optimierten Plan verglichen – gleiche Aufträge, gleiche Regeln. Ohne diese Baseline ist jede Prozentzahl wertlos, weil sie keinen Bezugspunkt hat.
- Einführen, nicht ersetzen. Ein Optimierer, der Vorschläge in das bestehende System zurückgibt, ist in Wochen produktiv. Eine Systemumstellung dauert Quartale und verschiebt den Nutzen entsprechend nach hinten.
Bei eviit ist der erste Schritt der Tourenoptimierungs-Check zum Festpreis: Digital Twin, Simulation gegen Ihre Regeln, Karte Ist gegen Optimiert und eine Maßnahmenliste. Ergibt die Simulation weniger als 5 % Potenzial, halbiert sich der Preis – und Sie wissen, dass Ihre Planung bereits nah am Machbaren liegt. Welcher Softwareansatz danach trägt, steht in Tourenplanung Software.
- 1Dantzig, G. B.; Ramser, J. H.: The Truck Dispatching Problem. Management Science 6 (1), S. 80–91 – die Erstformulierung des Vehicle Routing Problem (1959). Quelle
- 2Kraftfahrt-Bundesamt / Statistisches Bundesamt: Amtliche Güterkraftverkehrsstatistik: Leerfahrten machen rund 23 % der Fahrleistung deutscher Lkw aus, aber knapp 38 % der Fahrten – zwei verschiedene Bezugsgrößen, die häufig verwechselt werden (2024). Quelle
- 3eviit GmbH: Simulationsbeispiel Regionallogistik auf synthetischen Daten: 7.842 km auf 37 Touren im Ist, 6.830 km auf 36 Touren nach Optimierung unter vollständigen Planungsregeln (2026). Quelle
- 4Clarke, G.; Wright, J. W.: Scheduling of Vehicles from a Central Depot to a Number of Delivery Points. Operations Research 12 (4), S. 568–581 – die Savings-Heuristik (1964).
Bewusst nicht genannt: die im Markt verbreitete Spanne „5 bis 30 % Einsparung durch Routenoptimierung“. Sie ließ sich auf keine überprüfbare Erhebung zurückführen, sondern nur auf Anbieterunterlagen. Die einzige Einsparzahl in diesem Text stammt aus einem eigenen, offengelegten Simulationsbeispiel.
Software-Auswahl
LesenTourenplanung Logistik
LesenAußendienst & Service
LesenTourenplanung mit Excel
LesenFahrermangel & Kilometer
LesenElektro-Lkw Reichweite
LesenManuell vs. dynamisch
LesenRestriktionen
LesenRouting-API
LesenDie Prozentzahl, die für Sie gilt, steht in Ihren Daten.
Vier Wochen Ihrer echten Tourdaten genügen, damit wir Ihren Ist-Zustand nachbauen und dagegen rechnen: Kilometer, Touren und Fahrzeuge im Vergleich, die Karte dazu und die Liste Ihrer planungsbestimmenden Restriktionen.
Finden wir weniger als 5 % Kilometer-Potenzial, halbiert sich der Preis. Bei Umsetzung wird er vollständig angerechnet.
Häufige Fragen
Die Fragen, die zu diesem Thema am häufigsten gestellt werden – kurz und ohne Marketingzahlen beantwortet.
Was ist Tourenoptimierung?
Tourenoptimierung ist die rechnerische Suche nach der Zuordnung von Aufträgen zu Fahrzeugen und nach deren Reihenfolge, die eine definierte Zielgröße minimiert – meist Kilometer, Fahrzeuge oder Fahrzeit – ohne eine der geltenden Restriktionen zu verletzen. Alle drei Bestandteile gehören dazu: eine Zielgröße, ein vollständiger Satz Restriktionen und ein Verfahren, das beides gegeneinander rechnet. Fehlt einer davon, ist der Begriff leer.
Was ist der Unterschied zwischen Tourenplanung, Tourenoptimierung und Routenoptimierung?
Routenoptimierung beantwortet die Wegefrage: den kürzesten Weg und die Reihenfolge einer bereits feststehenden Stoppliste – das leistet jedes Navigationsgerät. Tourenoptimierung entscheidet zusätzlich die Zuordnung, also welcher Auftrag auf welches Fahrzeug kommt; hier steckt der größere Teil der Einsparung. Tourenplanung ist der organisatorische Gesamtprozess drumherum und kommt in den meisten Betrieben ganz ohne Optimierung aus.
Was ist das Vehicle Routing Problem?
Das Vehicle Routing Problem ist die mathematische Formulierung der Tourenplanung. George Dantzig und John Ramser beschrieben es 1959 als Truck Dispatching Problem: Eine Flotte beliefert von einem Depot aus viele Kunden mit bekanntem Bedarf, gesucht ist die Zuordnung mit den geringsten Gesamtkilometern. Praxisrelevant sind die Erweiterungen um Zeitfenster, mehrere Depots und gemischte Flotten. Das Problem ist NP-schwer, weshalb Solver mit Heuristiken arbeiten statt beweisbare Optima zu liefern.
Wie viel Prozent Kilometer spart Tourenoptimierung?
Belastbar ist nur die Rechnung auf den eigenen Daten. Die im Markt verbreitete Spanne von 5 bis 30 Prozent ließ sich auf keine überprüfbare Erhebung zurückführen, sondern nur auf Anbieterunterlagen. In einem offengelegten Simulationsbeispiel mit 320 Lieferstellen kam eviit auf rund 13 Prozent weniger Kilometer bei null Zeitfensterverstößen – gerechnet gegen vollständige Planungsregeln, nicht gegen ein freies Optimum. Erste unrestringierte Läufe zeigen stets höhere Werte und schrumpfen, sobald die echten Regeln dazukommen.
Warum kann man Tourenpläne nicht einfach durchprobieren?
Weil die Zahl möglicher Touren fakultativ wächst. Bei n Stopps und festem Depot gibt es (n−1)!/2 verschiedene Rundreisen: bei zehn Stopps 181.440, bei zwanzig bereits rund 6 · 10¹⁶. Selbst unter der Annahme, ein Rechner prüfe eine Milliarde Touren pro Sekunde, dauert vollständiges Durchprobieren ab zwanzig Stopps Jahre. Ab dieser Größe kann niemand mehr belegen, dass eine von Hand gewählte Reihenfolge gut ist.